Bank für Alle der Stadt übergeben

Öffentliche Übergabe der Bank an Bürgermeisterin Beate Kimmel mit Misstönen | Dokumentation des Inibeitrags zur Bankgeschichte u. Stadtmöblierung

Mit großem Bahnhof wurde am Montag, dem 4.November unsere Bank für Alle an die Stadt übergeben. Voraus gingen diesem Schritt Verhandlungen mit der Stadtverwaltung, die uns letztendlich zusagte die Bank, trotz Abbau wegen der Platzbespielung durch den Weihnachtsmarkt erhalten zu wollen. Nach Ende des Marktes soll die Bank rückinstalliert werden, bis ein adäquater langlebiger Ersatz gefunden ist. Dies wurde schlussendlich von beiden Seiten als Erfolg gesehen. Dementsprechend feierlich verlief auch dieser Übergabetermin, dem mehrere Verantwortliche der Stadtverwaltung und einige andere Menschen, denen die menschenfreundliche Gestaltung der Stadt am Herzen liegt teilgenommen haben.

Für Irritationen sorgte im Nachgang aber, die an Mitglieder der Ini gerichtete Ankündigung von Bürgermeisterin Kimmel, dass es starke Bemühungen von Seiten der Stadtverwaltung gibt schon Anfang nächsten Jahres unsere Bank für Alle durch eine andere Lösung zu ersetzen.

Ein solches Vorgehen stößt bei uns auf befremden, da ein stadtgestalterischer Schnellschuss zu erwarten ist, der sich negativ auf die weitere Stadtmöblierung auswirkt (Corporate Design) und die von unserer Seite vorgeschlagene Vorgehensweise negiert. Wir stehen dafür Expert*innen in Bezug auf Stadtgestaltung und die Bürger*innen, die sich noch während unseres Stadtspaziergangs interessiert und in großer Zahl eingebracht haben, an der Ausgestaltung der Innenstadt mit einer lebendigen und konzeptionell durchdachten Stadtmöblierung einzubeziehen, anstatt den Bürger*innen von Oben Lösungen vorzugeben. Dafür werden wir uns auch weiter einsetzen.

Rheinpfalz-Artikel vom 5.11.2019

Die Bank und die Liebe

Rede bei der offiziellen Bankübergabe an Frau Bürgermeisterin Kimmel (im Auftrag der Bürger)

Die Initiative „Stadt für alle“ hat am 30. März 2019 den Bürgern von Kaiserslautern eine große, runde Bank geschenkt. Warum? Wem macht man so ein schönes Geschenk? Jemandem, den man gerne hat, man kann also sagen, wir von der Initiative lieben unsere Mitbürger, lieben unsere Stadt.

Liebe ist der Schwerpunkt dieser Rede, hier vor der wunderbaren Kulisse der Stiftskirche passend, denn Liebe ist der Schlüsselbegriff zum Verständnis der christlichen Religion. Liebe muss ein zentraler Begriff in allen Religionen sein, denn sie umfasst Toleranz, Kommunikation, Vertrauen – und vieles mehr. Wir haben eine „Bank für alle“ entworfen, mit viel Liebe und auch Liebe zum Detail. Wir hatten im vergangenen Sommer wunderbare Erlebnisse an der Bank, man lernt dort leicht andere Menschen kennen, kommt ins Gespräch, macht Scherze, isst ein Eis … Und es gab eine kleine Aktion „Zeitunglesen auf der Bank“, denn wir brauchen mehr Flaneure, mehr Urbanisten und Stadtliebhaber. Die auch mal einen Samstagnachmittag verbummeln, „ich ging in der Stadt so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“ Bei dieser Aktion „Zeitunglesen“ kam es zu einer denkwürdigen Szene. Ein Bewohner kam zur Bank, er hatte sogar vorbereitet, was er sagen wollte: „Vieles in Kaiserslautern wirkt so lieblos!“

Dagegen wollten wir etwas unternehmen. Man kann sich fragen, warum niemand schon viel früher auf die Idee gekommen ist, hier eine Bank aufzustellen. Denn dieser Platz ist einer der schönsten der Stadt. Was fehlt hier? Sitzgelegenheiten! Und das schon seit vielen Jahren. Da sollten wir uns alle an die eigene Nase fassen. Sooo schwer wäre das nicht gewesen. Wir haben eben alle einen gemeinsamen Feind: Die Macht der Gewohnheit! Dagegen sollten wir kämpfen, mit viel Liebe und viel Fantasie.

Dieser schöne Platz hat noch nicht einmal einen Namen! Jeder Katze und jeder Hund hat einen Namen; wenn man jemanden besonders gerne mag, gibt man ihm sogar einen Spitznamen, zum Beispiel wird der Theodor-Heuss-Platz in Berlin „Theo“ genannt, der Leopoldplatz – ja, richtig – „Leo“! In Kaiserslautern: Wladirockstock – Wladi. Glockencafé – Glocken, Carla Ohio – Carla. Von liebevollen Spitznamen sind wir hier bei unserer Bank noch weit entfernt, denn dieser Ort ist wie gesagt noch namenlos. Man könnte einen Ideenwettbewerb in der Rheinpfalz veranstalten, das gab es schon einmal in den 1970er Jahren beim Martinsplatz. Wie sollen wir diesen Platz nennen, was meint ihr?

Mit einem Stadtplaner bin ich unsere Stadtachse entlang gegangen, wir haben darüber geredet, welche Materialien passend wären. Er meinte: „Vieles hier in Kaiserslautern wirkt so kalt und grau, da wäre Holz genau das richtige.“ Also kein kalter Stahl, körperfeindlich, sondern warmes Holz, natürlich und liebevoll. Das soll aber kein Dogma sein, für den Rathausplatz zum Beispiel könnten kreative Plastikmöbel, evtl. mit Wasser befüllbar, genau das richtige sein.

Je nachdem, dem Charakter des Platzes entsprechend, wie Peter Ott immer betont. Da haben wir eine wichtige Voraussetzung für die Liebe: Empathie. Wir sollten versuchen, ganz sensibel in die Plätze hineinzuhorchen, man kann ihnen ablauschen, was das Beste für sie wäre, man muss nur genau zuhören. Zwei Ohren brauchen wir, als Initiative „Stadt für alle“. Einmal das für die Orte, Plätze, Wege und Stadträume. Da gibt es auch Objektivität, da ist nicht alles Geschmackssache, da gibt es die Feinmotorik eines Platzes, wie er funktioniert und lebt, wie ein Organismus; zum Glück haben wir gute Kontakte zur TU und zur Hochschule, dort weiß man viel über Stadtplanung. Das andere, zweite Ohr, ist mindestens genauso wichtig, das leihen wir den Bürgern. Beim Stadtspaziergang haben die Besucher bewiesen, dass sie sehr sensibel beobachten, das haben wir alles sorgfältig notiert. Die Bewohner dieser Stadt gehen mit offenen Augen auch durch andere Städte, herrlich war da die Veröffentlichung in der Rheinpfalz: Eine ganze Seite mit fantasievollen Bänken aus aller Welt.

Es läuft super für unsere Initiative, um so wichtiger ist es, auf dem Teppich zu bleiben, Bescheidenheit ist gefragt, ja sogar Demut. Demütig vor den fantastischen Bauten, von denen dieser ganz zentrale Ort geprägt wird. Zum einen der Eckbau mit dem herrlichen, markanten Erker, hier machen viel Bürger eine Kurve, biegen ab zum Schillerplatz oder umgekehrt, der Erker nimmt diese Bewegung auf und stellt sie dar. Nach demselben Prinzip funktioniert die „Hannenfaßlounge“, sie schwingt vom Martinsplatz heraus auf die Spittelstraße. Beherrscht wird dieser Platz hier, natürlich, von der Stiftskirche. Schon seit rund 500 Jahren prägt sie diesen Platz, ja sie prägt die ganze Stadt, davor verneigen wir uns. Dieser wundervolle Buntsandstein, der auch Wärme ausstrahlt und Liebe! Gegen die Stiftskirche sind wir mit unserer Bank nur ein ganz kleines Licht; wir haben nur ermöglicht, dass man dieses zentrale Bauwerk in Ruhe und ohne Konsumzwang anschauen kann, mehr nicht.

Die vielen Besucher beim Stadtspaziergang, über hundert Menschen, warum sind die gekommen? Natürlich aus Interesse, aber auch, weil sie sich mehr Sitzgelegenheiten erhoffen. Wir wohnen hier in einer großen Wohngemeinschaft, die Plätze (bzw. Räume) auf der Stadtachse gehören uns. Nur stehen seltsamerweise einige Zimmer in unserer WG leer, sind ohne Möblierung. Zum Beispiel der Stockhausplatz, und auch der Musikerplatz. Warum? Viele Bürger haben resigniert, oder begreifen diese Orte nicht als die ihrigen. Sie konnten noch keine Liebesbeziehung zu der Stadtachse aufbauen, doch das ändert sich momentan, mit der Bank haben wir einen Stein ins Wasser geworfen, der nun Kreise zieht, die Bank strahlt aus.Wir haben von der Bank aus in beide Richtungen gedacht, zum Kaiserbrunnen hin, der einen wirkungsvollen Schlussakkord bildet, und in die andere Richtung bis zum Musikerplatz bzw. Stadtpark. Ganz im Sinne von Jan Gehl wurde hier nicht vom Auto aus geplant und gedacht, sondern vom Menschen ausgehend. Fast alle Abschnitte sind Fußgängerzone oder zumindest verkehrsberuhigt. Hier kann der Mensch in Ruhe spazieren und flanieren.

Die Stadtachse könnte man auch als Rückgrat der Stadt bezeichnen, als Spiegelachse, auf der einen Seite Rathaus, Theater und Mall, auf der anderen Seite Bahnhof, Gericht, Einzelhandel, und – das Finanzamt. Diese Achse ist schon vielfach bearbeitet und gestaltet worden, darauf kann man toll aufbauen. Das ist wichtig in einer Stadt die, ähem – pleite ist, da wachsen die Bäume nicht in den Himmel, da sollte man keine utopischen Forderungen stellen und etwas ganz Neues, Teures verlangen. Diese Achse, die Stadtachse, ist eigentlich auch eine Bürgerachse. Und die wollen wir im Januar untersuchen, in einer Bürgerwerkstatt, zu der wir Sie hier schon ganz herzlich einladen wollen, obwohl der genaue Zeitpunkt und die Räumlichkeiten noch nicht feststehen. Das wird ein schöner Abend, es wird Rotwein geben. Wir versuchen ja bei unseren Veranstaltungen immer ein passendes, symbolträchtiges Getränk anzubieten, beim Stadtspaziergang war es ein Schnäpschen, heute haben wir etwas anderes vorbereitet, Orangensaft, als Vitaminstoß für mehr Kreativität und gegen Erkältung im Winter. Bei der Werkstatt soll Rotwein ausgeschenkt werden, weil Rotwein so gemütlich ist, so warm – rubinrot, rot wie die Liebe. In Ruhe, am warmen Ofen wollen wir überlegen, wie wir die Stadtachse aufwerten können. Das ist im Winter doch optimal, da möchte man meistens sowieso nicht draußen sitzen. Und wenn es gut läuft, können schon im April oder Mai neue Sitzgelegenheiten montiert werden, für den Sommer 2020, denn der kommt bestimmt! Für alle Flaneure und Urbanisten, Asphaltcowboys und Großstadtindianer – Bänke für alle, auf der Stadtachse für alle.

All we need is love

Michael Fetzer, BI „Stadt für alle“

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